Karl Günther Hufnagel
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Deutschlandradio Kultur, April 2006
Ein Wort zu Karl Günther Hufnagel
von Gerd-Peter Eigner
Wer ist der Mensch, dem im Jahre 1991 der Leiter eines renommierten deutschen Verlages das Manuskript seines Romans Crapziks Karneval mit den Worten zurückschickt: "Es ist nicht nur etwas Verstörendes in dem 'Karneval', sondern auch etwas Störendes, mich Abstoßendes". Er ist derselbe, dem schon auf der Tagung der Gruppe 47, zu der ihn deren Gründer Hans Werner Richter im Jahre 1956 eingeladen hat, nach seiner Lesung aus der Erzählung Die Messe von Hans Magnus Enzensberger vorgehalten wird, er habe "mit Hypnose gearbeitet" (oder unter Hypnose, wie immer). Martin Walser bezeichnet den Text auf derselben Veranstaltung als "eine schwarze Messe". Damit ist der Autor gekennzeichnet, markiert. Stigmatisiert? Jedenfalls fürs erste erledigt. Die Absage 35 Jahre darauf aber endet mit dem Befund: "Dass dieses Buch" - Crapziks Karneval - "etwas taugt, daran gibt es gar keinen Zweifel."
Wer ist er, dieser 1928 in München geborene, außer Zwischenaufenthalten in Berlin so gut wie nie unterwegs gewesene und 2004 in München gestorbene Karl Günther Hufnagel, der Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Fernsehspiele und zahlreiche Hörspiele schrieb, am Ende doch immer seine Verleger fand und es vor zu einem der Namhaften im deutschen Hörspiel brachte? Wenn sich Ende 2005 im Programmleporello des Literaturhauses Berlin zu einer Veranstaltung mit dem Titel "Karl Günther Hufnagel zu ehren" die Bemerkung findet, daß dieser "bei der Literaturgeschichte kein Glück zu haben scheine", stutzt man; zumal der Verdacht zusätzlich noch bekräftigt wird durch den Hinweis, daß das, wie es heißt "umfangreichste deutsche Autorenlexikon" nicht einmal seinen Namen nenne. Vielleicht, möchte man meinen, ist das an Umfang reichste Lexikon nun doch nicht das an Inhalt reichste und hat damit letztlich nicht viel mehr Glück gehabt als der von ihm unterschlagene Autor. Die Einladung zur posthumen Ehrung im Literaturhaus in der Fasanenstraße endet immerhin mit der Bemerkung, daß all dies "niemanden daran hindern sollte " ihn" - Hufnagel - "zu entdecken und zu lesen". Und vielleicht auch zu hören.
Es hängt ja alles zusammen: Das Erfolgreiche mit dem Erfolgreichen, das Unliebsame und Verschmähte mit dem Unliebsamen und Verschmähten. Und auch das Erfolgreiche mit dem Unliebsamen und Verschmähten. Das Eine bedingt das andere. Zumal dann, wenn beides von Qualität ist und mehr provoziert als den rührenden Impuls, der Autor, dessen Buch der Leser in der Hand hält (oder dessen Text der Hörer hört), habe letztlich genau das gesagt, was der Leser (und Hörer) sich seit eh gedacht hat; nur dass er halt nicht die Zeit und Muße fand, es selbst zu Papier zu bringen. Bei Hufnagel wird er sich umgucken.
Der nahm sich alle Zeit - ein Leben - und allen Raum - ein Zimmer am Rand -, die einer braucht, um zu schreiben. Er war ein Profi. Ich kannte ihn die letzten 35 Jahre seines Lebens, war - mit Unterbrechungen, die unser Wesen unvermeidlich machten - viele Jahre mit ihm befreundet. Korrespondiert und telephoniert miteinander haben wir nie. Hingegen war immer ein Bett bei ihm frei, wenn ich über München reiste. Meines Wissens hat er nicht nur mit mir nicht telefoniert. Er ging nie ran. Ein Profi der Vermittlung seiner Person und seines Werkes war er nicht. Er war der säkulare Mönch. Und der wie ein Prometheus ans Säkulum geschmiedete Verneiner.
"Ich versteh schon, warum mich die Leute nicht mögen", sagte er, "eigentlich bin ich ja gegen alles." Alles? hakte der ihn Befragende nach. "Ja", antwortete er, "gegen die Gesellschaft. Gegen die Natur." Gegen die Natur? "Natur ist Fressen und Gefressenwerden. Ich glaube, die Nazis waren der Natur am nächsten." Zeitlebens, sagt Hufnagel, habe ihn literarisch nichts anderes interessiert als die Nazis und die Juden. Und das, wird man hinzufügen müssen, was den Typus Nazi und Jude jenseits der in Deutschland massenmörderisch Tat gewordenen Vernichtungsbegegnung seit eh und für alle Zeiten miteinander verbindet.
(...)
"Du bist ja ein Erzähler", sagte mir einmal am Frühstückstisch in der Tengstraße von München-Schwabing der in der Tradition bedeutender Außenseiter stehende Karl Günther Hufnagel. Darin schwang durchaus eine gewisse Herablassung mit. Sich selbst jedenfalls verstand er nicht als Erzähler. Er schreibe Sätze, sagte er. Er hätte auch sagen können, er meißele seine Sätze in Stein. Aber Pathos war ihm, zumindest im Gespräch, nicht eigen. Das Pathos tat er ins Gestein, das dann, da es Gesicht wurde, vor Kaltschnäuzigkeit zu schillern begann. Wort und Gedanke, die waren sein Credo. Und wenn er sich nicht als Bildhauer verstand, dann doch als einer in der Nachfolge eines Abbé Meslier, eines d'Holbach, eines Schopenhauer und Nietzsche. Mithin als Denker, Philosoph. Im Gewand des Dichters. Er trug bis ans Ende seines Lebens Jeans.
Immer wieder stoße ich bei ihm auf Passagen und Sätze - den Geist - auch von Zeitgenossen. Beckett nicht fern. Louis Ferdinand Céline, der große fragwürdige Unternehmer einer Reise ans Ende der Nacht. Ich sehe Juan Carlos Onetti, den Mann vom Rio de la Plata, und dessen Fleischlichkeitsdenken. Oder, wie umgekehrt, die Grausamkeit - und Barmherzigkeit -, die ein Juan Rulfo in die nur zwei Bücher tat, die er schrieb, um darin Dürre, Elend und Einsamkeit der mexikanischen Erde zu bannen wie sonst keiner.
Hufnagel, Bayer wie Achternbusch. Ohne dessen glühenden Witz und Aberwitz. Wie Hans Henny Jahnn trieb es ihn in den Schlamm des Geschlechtlichen; wo Jahnn wucherte, auch suhlte, schritt Hufnagel gleichsam die Säfte ab. Kannte er den großen amerikanischen Verfehmten Robinson Jeffers, den Dichter der Steine und der Über-Zeitalter, bei dem Anfang und Ende in eins fallen? Ich kann ihn nicht mehr fragen. Aber Cioran war ihm nah, das weiß ich. Während ihn mit Imre Kertész, denke ich, das verband, was sie trennt.
Hufnagel reicht zurück bis zur griechischen Tragödie und ins mittelalterliche Mysterienspiel. Kein Wunder, daß manche schon früh zurückzuckten. Auch ich zucke manchmal, wenn ich ihn lese. Oder wieder höre. Er kann von den Grenzen, an die er geht, nicht lassen. Geburt als die Vision des Mords am Leben. Macht. Ohnmacht. Klaustrophobien und Innenräume, Inzest. Das ganze Dasein ein Familiendrama.
Hieronymus Bosch meets Francis Bacon. Blut. Erbrochenes. Sperma. Schleim. Die Väter: Mörder und Vergewaltiger. Die Mütter: Mörderinnen und Huren. Auf dem Tanzparkett Totentänze. "Die Würmer fliegen", heißt es in dem gleichnamigen Stück.
tip magazin Nr. 1/1980
Verlag Neue Kritik, 2003; LESE-STOFF
Der dunkle Ort
von Jörg Fauser
Wenn einer anfängt zu schreiben, will er immer mit den Sätzen das Blau des Himmels runterholen. Er will den Kadaver unter den Rosen und im selben Absatz auch noch den Schatten des Pumas beim Sprung, und dann schon Liebe; wenn einer anfängt zu schreiben, will er alle Grenzen überschreiten und durch alle Tore, die zum Leben führen. Und er weiß noch nicht, daß er dafür bezahlen muß. Mit sich selbst. Mit Scham. Mit Fremde. Faulkner: "Wenn es mir beim Schreiben helfen würde, würde ich meine Großmutter bestehlen." Artaud: "Alles Geschriebene ist Sauerei." Benn: "Ist Ausdruck Schuld? Er könnte es sein."
Die Maßlosigkeit zerreibt sich natürlich bald an den Mühen des Handwerks und an den Peinlichkeiten des Betriebs, in den zwangsläufig gerät, wer sein Talent zu Markte trägt. Und doch muß sie sich immer wieder erneuern, soll das Ziel ernsthafter Literatur nicht verfehlt werden, das Witold Gombrowicz auf die Formel gebracht hat: "Ernste Literatur ist nicht dazu da, das Leben zu erleichtern, sondern es zu erschweren."
Sich und anderen es immer wieder schwer zu machen, ja uns zu verletzen, damit wir uns nicht mit dem Leben abfinden, wie es uns vorgeschrieben ist von allen Institutionen und von der unerschütterlichsten Institution, der Natur, das ist das Blau des Himmels. Das ist die einzige Moral, die den Schreibenden lenkt. Hart zu bleiben und ernst zu bleiben, wie schwer kommt es manchmal an, wenn doch alles in uns dazu drängt, uns anzuschmiegen an tausend und eine Verführungen, es uns heimisch und gemütlich zu machen, da von allen Seiten die Verführer locken: Komm, wir salben deine Wunden mit Sozialversicherung, und deine Schuld lösen wir aus mit Persilscheinen, und deine Alpträume senden wir im Dritten Programm, und siehe, wir versöhnen dich durch Eigentum und Vernunft mit deiner eigenen Sauerei.
Als ich anfing zu schreiben, wollte die deutsche Literatur noch vernünftiger sein, als sie es schon gewesen war. Sie ging daran, die Welt zu verbessern. Damals gab es für mich keinen einzigen interessanten deutschschreibenden Autor. Sie waren alle unglaublich optimistisch, penetrant wohlmeinend, und außerordentlich rührig um ihren Betrieb bemüht. Mit meiner Art zu leben, und so ähnlich lebten damals nicht wenige, hatten sie und ihre Produktionen nicht sehr viel zu tun. Unser Lebensgefühl war von Amerika geprägt, ohne daß wir je dort gewesen waren oder hin wollten. Aber wir lebten in einer amerikanischen Provinz. Das Deutschland, das die Literaten beschrieben, war nicht unser Land. Ich erkannte mich nicht darin. Ich erkannte mich eher in einem Gedicht der Lasker-Schüler, aber das war ja Expressionismus, untergegangen mit all dem anderen. Und wie war das, bitte, mit diesem Untergang gewesen? Das konnte doch gar kein Untergang gewesen sein. Was war denn untergegangen? Der Staat war da, die Politik war da, die Kirche war da. Das Geschäft blühte, die Polizei blühte, die Wissenschaft blühte. Auf den Trümmerplätzen waren jetzt Terrassencafes, und nicht die Dichter berührten das Blau des Himmels, sondern die Flugzeuge und Wolkenkratzer. Die Mörder saßen mit den Opfern am Tisch. Tranken sie Brüderschaft? In den Terrassencafés saßen wirkliche Juden und machten wirkliche Geschäfte. Nach Auschwitz sollte es keine Gedichte mehr geben. Geschäfte waren keine Gedichte. Sie machten weiter, wie alles weitermachte, außer den Toten. Aber die machten ja auch weiter. Im Himmel. Nicht wahr? Was ist denn wahr, wenn das wahr sein soll? Ich suchte nach Antworten in der Literatur. Ich fand manches Buch, das mich weiterführte. Keines von ihnen war nach 1945 auf deutsch geschrieben worden. So kam es, dass ich damals viel unterwegs war. In Amerika. In Rußland. Im Orient. An manchem Rio Finale und in vielen Cafes Nirwana. Und hockte derweilen in einer winzigen Bude in einer deutschen Stadt und schrieb mein erstes Buch. Es ist in einer Sprache geschrieben, die ich heute dechiffrieren muß wie einen Code. Eine Geheimsprache. Die Sprache, die einer schreibt, wenn er auf gefährliche Art allein ist. Und rings um sich nur das Rattern der Zementmischer und das Röhren der Hochöfen und das Gebrüll der Slogans hört. Eine interessante Zeit. Und ich war wie mein Land, ich machte weiter. Und lernte die Landessprache.
Seitdem sind einige Jahre vergangen, fast ein Jahrzehnt. Ich bin älter geworden, aber mein Land ist noch älter geworden. Eine junge Generation wächst auf, die so alt wirkt, als hätte sie ihre Zukunft schon verbraucht.
Auschwitz ist etwas, das es mal im Fernsehen gab. Wenn man mit Plutonium und Entsorgungslage und Neutronenbombe lesen lernt, kann das wohl nicht anders sein. Ein kleiner Junge gibt auf die Frage, was er mal werden will, keine Antwort, er sagt nur: "Dann leb ich ja doch nicht mehr." So ist das. Er weiß nicht, was Hunger oder Seuche oder Krieg ist, aber er glaubt, dass er keine Chance hat. Er lebt eben mit Brennstäben, Zwischenlagern, Mehrzweckwaffen, es hört sich an wie das neue Wörterbuch des alten Unmenschen. Dabei bringt das Fernsehen als Identifikationsbild der einzelnen ARD-Sender doch so drollige Robben, niedliche Vögel, Fachwerkhäuser oder auch Pferde im Morgentau. Und die Grüne Kraft webt wirklich Freude um die gestreßten Herzen des Mittelstands. Auch Schriftsteller machen mit beim Indianerspiel, gewiß. Wenn der Atomblitz zuckt, soll man dann unter Linden sich finden oder die Buchen suchen? Darauf antwortet dem Ratsuchenden schon mancher, der eben noch "kritische Literatur" anbot. Warum auch nicht? Am Anfang war das Wort, und dann kam schon die Meinung. Keine Sorge, ich bin noch beim Thema. Denn es gibt auch ganz anderes. Damen und Herren, ich zeige Ihnen ein Buch an, das der Literatur der siebziger Jahre zum Finale ein unverhofftes Glanzlicht setzt: Karl Günther Hufnagels Roman Die Liebe wird nicht geliebt.
Hufnagel, gebürtiger Münchner aus fränkischer Beamtenfamilie, gelernter Psychologe, debütierte 1960 mit dem Roman Die Parasitenprovinz. 1961 erschien ein Band Erzählungen, dann - 18 Jahre kein Buch. Was war geschehen? Fiel dem Mann nichts mehr ein? Aber er hat in dieser Zeit mehr als 50 Hörspiele, zahlreiche Funkerzählungen, mehrere Fernsehspiele und Filmtexte (unter anderm für Ottomar Domnik ohne Datum) geschrieben. Nein, es war wohl eher so, dass Hufnagel, der sich zur funktionstüchtigen Betriebsstütze so wenig eignet wie ein Alpengletscher zum Zahnstocher, sich den üblichen Anpassungsmechanismen des damals ja noch ganz rigiden Literaturbetriebs entzog. Da war dann wohl ein Talent, das sich weigerte, zuverlässig zu sein, ganz schnell weg vom Fenster. Und blieb weg. Hufnagel schrieb Die Liebe wird nicht geliebt 1973/74. Das Buch ist erst jetzt erschienen, nachdem der Residenz Verlag den dritten Roman, Draußen im Tag, thematisch eng mit der Liebe verbunden, aber griffiger geschrieben und leichter zu lesen, im Frühjahr '79 herausbrachte. Die Liebe ... ist aber nicht bei Residenz erschienen, sondern, um das Verwirrspiel, das unser Verlagswesen mit diesem Autor und seinen Lesern treibt, komplett zu machen, in der neuen Taschenbuchreihe "Rogner's Edition" bei Ullstein. Daß es überhaupt noch erschienen ist, mag schon bald wie ein Wunder in der Art sein, wie sie, vorwiegend in Bayern, manchmal noch geschehen.
Gleichviel: dieser Roman macht vom Titel bis zum letzten Satz wahr, was Grombrowicz von der ernsten Literatur forderte. Wenn wir denn von ihr mehr erwarten als von Unterhaltungsbranche und Lebenshilfe, dann müssen wir uns dieser Erschwernis unsrer Existenz nicht nur stellen, wir müssen uns ihr nähern wie Franz von Assisi dem Aussätzigen: "Aber siehe, nun stieg er, sich Gewalt antuend, vom Pferde, reichte jenem einen Gulden und küßte ihm die Hand. Auch jener gab ihm den Kuß des Friedens."
Das Leben des Heiligen Franz, jenes frommen Eiferers, der sagte: "Die Liebe wird nicht geliebt", und sich vor den Aussätzigen demütigte, vor den Erniedrigten erniedrigte, um vielleicht so die volle Schmach der nicht geliebten Liebe zu erfahren, seine Biographie zieht sich - in Zitaten aus einem Legendenbuch - durch Hufnagels Roman wie eine blutige Spur. Denn Erniedrigung bedeutet Blut. Das erlebt der Erzähler, ein Mann in mittleren Jahren, Teilhaber eines Architektenbüros, Familie, dem der Zusammenhang mit dem Vertrauten, vor allem mit dem Ich, immer entschiedener entgleitet, der also, klinisch gesprochen, wahnsinnig wird, auf seinem Leidensweg nach unten. Erniedrigung bedeutet Blut, Blut aber bedeutet noch keineswegs Verzeihung, Sühne, Gnade. Niemand sollte denken, dies sei ein christliches Buch. Hufnagel ist Schriftsteller, kein Seelentröster. Das Christliche ist, wie das Faschistische in uns allen, Teil der Grundierung des Romans, wie die Stadt München, in der er spielt, die aber auch für alle deutschen Städte steht, wie ihre Bewohner für alle Deutschen. Ich habe lange keinen Roman mehr gelesen, der so deutsch ist - deutsch in dem Sinn, dass Erniedrigung und Lebensverachtung, Schuld und Sühne für immer deutsche Themen geworden sind. Dass überhaupt ein Schriftsteller jetzt wieder auf solchen Stoff kommt, erstaunt, denn gefragt ist ja ganz andres. Mehr noch erstaunt aber sein Stil.
Hufnagel hat nämlich überhaupt nichts zu tun mit den Autoren, die mich damals zum Gähnen brachten. Seine Welt ist unsre Welt. Wohl weil er alles andere als einer jener breittretenden "Realisten" ist, die uns ihr Püree als Realität verkaufen, hat sein Roman einen inneren Wahrheitsgehalt, der viel mehr als "Realismus" ist. Oder kennen wir nicht Wirtshäuser in Deutschland wie dieses:
"Der Wirt hat sich auf seine Theke gelegt und sich erschossen. Die Gäste stehen darum, haben Messer ergriffen und bedienen sich von ihm, sie sagen: 'Der Krieg ist aus, jetzt zahlen wir nicht mehr.' Mit den Happen gehen sie zu den Tischen zurück, hocken sich hin, während das Blut des Wirts in die Spüle rinnt ... Als nur mehr Blut auf der Theke geblieben ist, hat sich's ausgefressen, es gibt aber noch einen Rest Bier, der ausreicht für den Rausch vorm Auskotzen, da liegen sie in ihrem Auswurf, klagen, sie hätten den Wirt immer schon fressen wollen, nur sei er eben der Wirt gewesen, auch hätten sie sich nicht an den Gedanken gewöhnen mögen, dass mit einem die Gäste vom Wirt zehren könnten und nicht, wie üblich, umgekehrt, so jammern sie, bis die Anwohner reinkommen, ihnen hochzuhelfen, nicht aus Mitleid, des Gestanks wegen, der seitdem die Straßen verschmiert, in denen er schon jeweils stockte, wenn sie durchliefen in ihren Stiefeln. Jesus aber betritt Jerusalem. Betrachte ihn, meine Seele ..."
Als er schon weit nach unten geraten ist auf seinem Weg, trifft der Erzähler ein Mädchen, das ihm zu Willen war, seine Liebe:
"'Ich wollte mehr sein', sage ich. 'Aber ich bin nur ein Trinker geworden.'
Sie meint: 'Du mußt mich nur genug lieben.'
'Tue ich das nicht?'
'Ich habe mit deiner Frau gesprochen. Sie sagt, dass du krank bist. Aber das stimmt nicht.'
'Ich verzichte nicht auf dich', sage ich. 'Ich bin Jesus, aber ich töte, statt selbst getötet zu werden.'"
Buße, Opfer, Rache - ein Schriftsteller, der nicht in Gombrowicz' Sinne ein ernster Schriftsteller ist, wäre diesem Stoff nicht gewachsen. Dass Hufnagels Roman von Seite zu Seite gewinnt, liegt neben der moralischen auch an der künstlerischen Autorität des Verfassers. Wie genau die Schilderungen auch der alltäglichen Mühsal, aus der das Leben zum größten Teil besteht, dieses Aufstehen, Sprechen, Ankleiden, Ausgehen, Schauen, Trinken, Zubereiten, dieses Anfassen, Eindringen, Abwehren, Weggehen, dieses Weiterreden, Weiterdenken, Weitergehen. Wie eindringlich die Beobachtungen der Dinge um uns, die scheinbar von uns für uns gemacht und von uns abhängig und überhaupt "tot" sind, und doch, blickt man nur richtig hin, ein bedrohliches (und vielleicht auch sinnvolles) Leben enthalten, ob es nun ein Tapetenmuster, eine Hausnummer, ein Schanktisch ist. Aber das ist nie surreal geschildert, immer voller Wirklichkeit. Denn ein Maßkrug ist ja auch gefährlicher als alle Chimären Dalis.
Und immer weiß der Leser, woher dieser Erzähler kommt: Aus Bayern, wo die Wirklichkeit, aber auch der Wahn noch leibhaftig sind; aus Deutschland, wo das Fortbestehen Pflicht ist; aus dieser Welt, vor der uns nichts hilft; aus diesem Leben, das nur zum Tod führt. Die Liebe wird nicht geliebt ist eines jener Bücher, die uns nicht vom Leben ablenken, sondern zu ihm bringen, unter dem Blau des Himmels, an den dunklen Ort, wo aus den Kadavern auch die Rosen wachsen.
(1979)
Bayerischer Rundfunk/Kulturkritik, August 2008
Schreiben als Pica-Syndrom
von Cordula Hufnagel
Liebe. Sie kann die Welt nicht retten. Das Glück: ein Augenblick, der nicht bleibt, ein Stillstand, der nicht zu halten ist. Die Liebe: ein Irrealis, der doch auf ein Könnte zeigt und ihm die Wirklichkeit gibt, die immer ausstehen wird. Ein Sprung, ein Riß in der kontinuierlichen Katastrophe als die sich Geschichte darstellen mag. Doch genau dadurch perpetuiert Liebe das, was ist, verlängert ein Grauen, das sich für Karl Günther Hufnagel in einem "kleinen häßlichen Mann" zusammenfassen läßt, der Adolf Hitler heißt. Der ist nicht nur das Zeichen einer Zeit, vielmehr kulminieren in ihm Vorher und Nachher, Vergangenheit und Zukunft. Er ist der Zustand, die Ordnung der Welt - mit der Folge, daß Hufnagels Texte eine Gleichzeitigkeit zelebrieren, die die Gegenwart als ständige Wiederkehr des Schreckens erscheinen läßt, als einen Stillstand und Delir, als ein Nunc stans nicht der Exstase der seeligen Einheit der Mystiker, sondern als einen Stillstand des Grauens, der Denken und Leben zu zersprengen droht. Und dann und trotzdem "Liebe", Hinwendung zur gebeutelten Kreatur.
1
Aufzeichnungen eines Flüchtigen. Statt einer Autobiographie heißt das letzte größere Werk. Ein "Flüchtiger" schreibt. Doch: woher und wohin die Flucht?, wovor?, und: ist Flucht möglich?
Der Text, in drei Kapitel gegliedert, erzählt von der Entscheidung zur Selbstbestimmung, von einer doppelten Flucht. Da ist die Ausgangssituation, das Anwesen eines "Vaters", Haus und Garten, "gewaltig groß". Es ist einmal das bürgerliche Zuhause, in dem Recht und Ordnung herrschen. Dann ein irrealer Raum, ein Irgendwo. Er wird bewohnt vom Autor, dem Bruder, der Schwester und einem Vater, der ohne Herkommen ist. Der Vater spricht:
Ich habe euch bei mir. Ich bin glücklich mit euch, meinen Kindern. Bevor ihr geboren wart bin ich einsam gewesen, öde war es um mich her. Jetzt kann ich euch meine Liebe schenken, die unvergänglich ist. (...) An nichts soll es euch mangeln. (...) Euch genügt es zu wissen, daß ich euer Vater bin, der das Beste will, das allein ich sehe. Ihr bleibt blind, weil ihr die Wahrheit nicht verstehen würdet, sie könnte euch erschrecken, so erhaben ist sie, furchtbar wie die Güte, die ich bin.
Haus und Garten ein Paradies, in dem Gottvater waltet. Allmächtig und nach Belieben läßt er seine Kreaturen an Fäden zappeln, die sie nicht etwa leiten, sondern nur wissen lassen, daß sie an ihnen festhängen. Die Sauber- und Geordnetheit des Hauses, der bürgerlichen Welt ist jedoch nur Vorgabe. Unter ihrer Oberfläche brodelt es, zieht man den Teppich weg, entdeckt man den aufgehäuften Unrat. Halb im Auftrag des Vaters, halb im Protest gegen ihn beginnt der Ich-Erzähler das Weggekehrte zu untersuchen, er verinnerlicht den Dreck, befindet ihn als unverdaulich. Er ist aber das, was vorhanden ist, ihn gilt es - um der Wahrhaftigkeit willen - zu begreifen. Damit beginnt das Buch.
Ich hatte genug vom Betrug. Gestern habe ich meinen Leib aufgeschnitten, um nachzusehen. Und ich habe Gott gefunden. Jedoch bleibt es schwierig, von ihm zu erzählen. Weil ich nicht ihn in der Hand halte, sondern womit Vater mich gefüttert hat, was ich gegessen und nicht verdaut habe. (...) Nichts verändert die Dinge auf ihrem Weg durch den Verdauungstrakt. Ich soll sie reinigen, neue aus ihnen machen, ziehe sie auch durchs Gehirn, sie bleiben wie sie sind, keine Säure kommt gegen sie an, kein Gedanke erlangt Macht über sie.
Der Erzähler benennt die Dinge, doch dadurch verändern sie sich nicht, bleiben was sie waren, "von Vater ausgespuckter Schleim" Er flieht vor dem Betrug in ein Draußen, in die reale Welt - wohl wissend, dass der Selbstmord der einzig mögliche Akt von Auflehnung und Selbstbestimmung sein kann.
2
Der Ich-Erzähler zieht in ein Dorf. Dem "Vater" aber ist nicht zu entkommen. Er folgt, richtet sich im Keller des von seinem Sohn bewohnten Hauses ein, beginnt zu trinken und deliriert sich eine neue Welt, die mehr und mehr zur Hölle wird.
Im Keller gab es keinen Morgen, nicht Sonne und Mond, nur das Wasser, in dem er schwamm, den Sumpf aus Schnaps und Bier, der ihm ein Meer war. (...) Er war überall gleichzeitig, hatte die Zeit noch nicht eingeführt, ein bloßes Einerlei war vorhanden, aber er begann, sich zu langweilen. Der Friede war trügerisch, er hatte Haifische in ihm versteckt, die bald auftauchen würden vom Grund seines Meeres. Spinnen zeigten sich, spannten ihre Netze quer durch. In denen klebten Wesen mit zwei Beinen, die er Menschen nannte.
Im Dorf ist eine Bäuerin ermordet worden. Der Sohn verliert das Zeitmaß, die Gegenwart wird ihm zum Schrecken und er meint, Last und Leid der Welt tragen zu müssen. Kafkas "K." taucht auf, mit ihm ausgemergelte Gestalten, KZ-Gefangene, dann Hitler. Als das Mädchen, das der Erzähler im Dorf kennengelernt hat, zurückkommt, verschwinden die Gespenster. Denn die Liebe ist stärker als die Ordnung der Welt, ist ein Anhalten der Zeit in der Geborgenheit, ist selbstgenügsame Abscheidung. Doch: Ist sie haltbar?, ist sie nicht das, was der Vater gewollt hat, hält nicht genau sie das Getriebe in Gang? Was ist aus der Auflehnung geworden und der Absicht, den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen, gegen den Willen und die Vorsehung des Vaters?
3
Zunächst: Auch das Mädchen, Anita, soll den Betrug hinter sich lassen, wissen vom Unrat, der hinter der polierten Fassade aufgehäuft ist. Der Erzähler imaginiert die Geliebte in die Abwasserkanäle. Nur dort sind Freiheit und Unabhängigkeit, denn was kann Menschen noch passieren, die nicht leugnen, was ist, sondern im Dreck ihr Vergnügen finden. Doch wo anders sollten die Liebenden bei ihrem Gang ankommen als in dem Keller, in dem der Vater sich seine Welt erfunden hat. Sie blicken in Vaters Willen, der sich vor ihnen geöffnet hat. Ein Entkommen aus seiner Allmacht ist nur möglich im selbstgesetzten Tod. Hufnagel rekurriert auf Kleist, auf die gemeinsame Flucht der Liebenden aus einem Leben, das nicht zu leben war, auf Rettung der Gegenwart durch Verneinung der Zukunft.
Das Vorhaben wird nicht ausgeführt, der Erzähler kehrt zurück in den Willen des Vaters. Lebenswillig und -hungrig, zugleich voller Ekel, beginnt er, am Leben des Dorfes teilzunehmen:
Ich strebte nach dem Siegesschrei der Verausgabung, eines Vergessens für den Moment, der Geburt der nächsten Abscheulichkeit mit einem Mädchen, das ich zu meinem Zweck schändete. Wir waren hinter den Hecken, die den Garten begrenzten. Das Mädchen und ich, wir waren uns einig wie sonst niemand, dies Eine herzustellen, sich selbst in der Wut der Vernichtung, der gegenseitigen und der des Restes von Welt für ein Neues. (...) Was sich da mengte, war der Wille zum Fortbestand, ein Weitertun inmitten von Rohheit, ein Sichwälzen im Pferch, im Kot der Mastschweine, nicht unterscheidbar mehr. Dort war ich aufs Neue angekommen als dazugehörig. "Das Pica-Syndrom hatte mich wieder." (...) Die Illusion, in der ich mich aus dem Haus meines Herkommens verabschiedet hatte, war bloß Irrtum gewesen, ich würde nicht enden in eigener Verantwortung, hatte mich Vater aufs Neue ausgeliefert.
"Pica-Syndrom", so heißt die Krankheit, an der der Ich-Erzähler sich abzehrt und von der er bereits als Kind beherrscht war, als er aus dem Sofa Roßhaar und Gehäckseltes zupfte, um es in den Mund zu stecken und solange durchzukauen bis er es schlucken konnte: Ein unkontrollierter Drang, Ungenießbares, für den menschlichen Genuß nicht Geeignetes zu verzehren. Von kleinen Eisenteilen, Schrauben, Nägeln, über Haare, Holz und Ähnliches bis zu Kot und Schlamm. Unverdaut werden diese Dinge wieder ausgeschieden. In den Aufzeichnungen ist das Pica-Syndrom Bild für die Ungenießbarkeit der Welt, des Leidens am Vorhandenen, des Hangs, sich immer wieder nach "unten" zu begeben, um den Bodensatz an die Oberfläche zu befördern und sichtbar zu machen - vor allem aber Bild für das Schreiben, das sich immer wieder auf das Gegebene einlassen und es aufnehmen muß, das aber nichts an den Dingen ändern, sie weder aus der Unbenennbarkeit befreien noch Macht über sie erlangen kann. Die Aufzeichnungen, Autobiographie eines Schreibers, auch das.
Frankfurter Rundschau, 27. Juli 2004
Der Literaturbote Nr. 75, 2004
Dann leb ich ja doch nicht mehr
Nachruf von Lutz Hagestedt
"Damals gab es für mich keinen einzigen interessanten deutschschreibenden Autor. Sie waren alle unglaublich optimistisch, penetrant wohlmeinend, und außerordentlich rührig um ihren Betrieb bemüht." Der dies 1979 schrieb und in der "Basler Zeitung" veröffentlichte, Jörg Fauser, hatte einen Autor im Sinn, auf den dies alles nicht zutraf - den in München lebenden Romancier und Hörspielautor Karl Günther Hufnagel. Hufnagel hatte damals, 18 Jahre nach seinem ersten Roman Die Parasiten-Provinz (1960) und einem Erzählungsband (Worte über Straßen, 1961), erneut einen Roman vorgelegt: Die Liebe wird nicht geliebt, ein Wort des Heiligen Franz, des frommen Eiferers, im Titel und damit eine der unhintergehbaren Wahrheiten, die unser Dasein bestimmen. Hufnagel hatte sich dem Literaturbetrieb ferngehalten, hatte sich und seine Familie mit Hörspielen durchgebracht, war hin und wieder abgestürzt - und wurde schließlich dem jungen Autor und Debütanten Fauser ein väterlicher Freund. Nach zwei weiteren Romanen 1979 (Draußen im Tag) und 1980 (Auf offener Straße), ging er erst Ende der neunziger Jahre wieder auf Verlegersuche.
Axel Dielmann und Diana Kempff verlegten in rascher Folge die drei schmalen Prosabände, deren Grundidee der Autor schon lange zuvor konzipiert hatte und deren Umsetzung er nun endlich auch veröffentlicht sehen durfte, drei Bücher, die inhaltlich wie strukturell auf die dieselbe Grundierung verwiesen - auf das christliche wie das faschistische Moment "in uns" (vgl. literaturkritik.de 09/2001).
Der Protagonist von Geburt eines Dichters im Bürgerkrieg (2001) arbeitet als Journalist in der Boulevardpresse, ein Schmierant, der die Gier seiner Leser nach grellen Stories bedient und vor Nötigung nicht zurückschreckt. Die Hauptfigur seiner Erzählung "Der Wiedergänger" (2001) ist ein pathologischer Fall, der sich zum Einflüsterer Hitlers stilisiert: "Soweit ich mich erinnere, habe ich immer auf Hitlers Schulter gesessen. Jahrzehnte in jedem Fall. Wenn der den Arm hebt zu seinem Gruß, küsse ich die Hand. Ich schmecke das Blut. Mein Zustand ist der Rausch." (vgl. literaturkritik.de 02/2002). Und auch das dritte Buch, Crapziks Karneval, ist nichts weniger als "absonderlich". Es erzählt von Crapzik, dem Autor und Journalisten, der in einem sozialen Raum nach eigenen Regeln lebt und über Leben und Tod selbst entscheidet. Für sein neues Buch will er sich in das Gehirn eines Mörders hineindenken, doch muß er feststellen, das sich der Lenker des Schicksals weder außerhalb seiner Handlungen denken läßt noch innerhalb des Gehirns selbst (vgl. literaturkritik.de 06/2003)
Man ist gefesselt von Hufnagels Intensität, seiner Besessenheit, seiner exzessiven Beschwörung der bundesdeutschen Nachkriegstristesse, die, in seinem Werk zumindest, niemals aus dem Schatten des dritten Reiches herausgetreten ist. Mit brachialer Gewalt ergreift Hufnagel die bürgerliche Existenz seiner Figuren und zerschmettert sie, mit subtiler Psychologie erlöst er ihren inneren Dämon von den Fesseln - der Erzähler wird zum Kraftmensch, zum Berserker. Dies Werk, schrieb Jörg Fauser einst, lenkt uns nicht vom Leben ab (wie die Sozialutopien der Heinrich Bölls der 70er Jahre), sondern bringt uns zum Leben hin, "an den dunklen Ort, wo aus den Kadavern auch Rosen wachsen." Jetzt ist Karl Günther Hufnagel nach kurzer, schwerer Krankheit in München gestorben. Möge sein Werk blühen!